Heute, Kinder, wird’s was geben

Wenn Kinder "influencen" - ein Kommentar

Beitragsbild - eine Baby mit Windel und Schnuller, das ein Selfie mit einem Smartphone macht

Seitdem Unternehmen Social Media Akteure mit großer Reichweite als effektive Werbeflächen für sich entdeckt haben, werden wir meist schon nach dem Aufwachen, nach dem ersten Blick aufs Handy mit einer Welt des Konsums konfrontiert. Das Internet, als digitales Einkaufszentrum ohne Grenzen, als Tor zur Heimat der Influencer*innen, zeigt uns täglich neue Produkte, neue Trends, neue Dinge, die uns glücklicher machen sollen. Wir bewegen uns dort in unserer eigenen Filterblase des Konsums. Da viele inzwischen bereits im jungen Alter einen Zugang zu dieser Welt haben, braucht es natürlich auch Werbeträger*innen im kleinen Stil – Mini-Influencer*innen.

Denn ich bin jung und brauch das Geld

Mini-Influencer*innen – nicht zu verwechseln mit Mikro-Influencer*innen, so werden Influencer bezeichnet, die nur wenige Follower*innen haben – zeigen anderen Kindern, was sie kaufen und wie sie leben. Sie zeigen Produkte, die sie in Kooperation mit Unternehmen erhalten und auf ihren Kanälen bewerben sollen. Kinder, die Werbung machen. Der Gedanke an Kinderarbeit liegt hier nicht weit entfernt. Besonders, wenn einige der Kinder inzwischen die Haupternährer der ganzen Familie sind, wie zum Beispiel Miley von Mileys Welt. Ihr Kanal auf YouTube hat mehr als 800.000 Follower*innen und ist damit einer der größten Mini-Influencer*innen Kanäle in Deutschland. Dabei dürfte die Zehnjährige eigentlich noch gar keinen eigenen Kanal führen. Deshalb wird er von Mileys Eltern betrieben. So können sie die Altersregelung umgehen, wie auch andere Mini-Influencer*innen, die das Mindestalter der Social Media Plattformen noch nicht erreicht haben.

Dass diese Regelungen eigentlich sinnvoll sind und dem Jugendschutz dienen, spielt keine Rolle. Jugendschutzregelungen werden in der Grauzone Social Media gerne einfach mal ignoriert. In Deutschland ist es Kindern zwischen 3 und 15 Jahren offiziell erlaubt, mit einer Arbeitserlaubnis etwa drei Stunden in der Woche zu arbeiten – eine davon vor der Kamera, doch vor allem die Bedingungen für die Arbeit vor der Kamera sind streng. So streng, dass laut Expert*innen viele auch ohne Erlaubnis arbeiten. Dazu kommt, dass die Kinder gesetzlich gar nicht voll geschäftsfähig sind. Kooperationsverträge müssen also die Eltern abschließen. Sie entscheiden letztendlich, welche Produkte beworben werden und welche nicht. Wie viel der hoch geschätzten Authentizität der Influencer*innen dabei noch übrig bleibt, ist also fragwürdig.

Ach wie gut dass niemand alles von mir weiß...

Den Kindern selbst geht laut eigenen Aussagen um den Spaß beim Erstellen ihres Contents. Doch können Kinder die Folgen ihres öffentlichen Lebens überhaupt einschätzen? Sehen sie die realen Gefahren von Mobbing, Pädophilie oder der Veröffentlichung persönlicher Daten? Natürlich achten in der Regel die Eltern der Mini-Influencer*innen darauf, dass bestimmte Inhalte nicht ins Netz gelangen. Aber selbst Erwachsene können nicht immer abschätzen, was man gefahrlos posten kann und was auf keinen Fall im Internet landen sollte. Auf der Homepage von Mileys Familie erfährt man mehr über die einzelnen Familienmitglieder, als man oft über seine eigenen Nachbarn weiß. Andere Mini-Influencer*innen halten beispielsweise ihre Schulzeugnisse in die Kamera oder zeigen so viel aus ihrem privaten Umfeld, dass man mit etwas Aufwand wahrscheinlich mehr über sie in Erfahrungen bringen könnte, als es ihnen oder ihren Eltern recht wäre.

Auch Mobbing ist ein großes Thema. Die Anonymität des Netzes ist für viele eine willkommene Einladung, Beleidigungen zu schreiben oder andere zu bedrohen. Der Umgang mit Cybermobbing ist generell schwierig, für Kinder noch schwieriger, da sie eher Probleme haben einzuordnen, ob ein Troll die Nachrichten schreibt oder eine reale Person, die sie vielleicht sogar kennen. Wer sich als Influencer*in öffentlich präsentiert, macht sich angreifbar für Hatespeech und Mobbingattacken. Zum Mobbing hinzu kommt die ungewollte Sexualisierung der Kinder. Schließlich können bei öffentlichen Profilen alle auf die Bilder und Videos zugreifen und nicht nur andere Kinder. Ein Video im Schwimmbad, Aufnahmen in engen oder kurzen Klamotten sind vor diesem Hintergrund gleich viel bedenklicher.

Denn das ist alles gar nicht echt

Ein Kritikpunkt, den sich auch viele erwachsene Influencer*innen anhören müssen, ist der, dass viele Inhalte inszeniert wirken. Natürlich, Videos werden geschnitten, Fotos werden bearbeitet und meist wird am Ende von viel Material nur sehr wenig gepostet. Doch wie authentisch sind die Szenen und Bilder an sich? Wird hier die heile Welt vorgegaukelt oder ist das Ganze trotz Schnitt und Bearbeitung trotzdem noch glaubhaft? Bei Mini-Influencer*innen stellt diese Frage ein großes Problem dar. Denn gerade bei den jüngeren Mini-Influencer*innen sieht man auch öfter die Familie auf Bildern und in Videos. Das suggeriert automatisch ein Familienbild, dass das junge Publikum noch nicht differenzieren kann. Gleiches gilt im Übrigen auch für die Geschlechterrollen, egal ob diese durch die Eltern, Geschwister oder die Kinder selbst transportiert werden. Und da Kinder grundsätzlich noch leicht beeinflussbar sind, können Differenzen zwischen diesen vorgelebten Rollen und ihrem eigenen Leben einen starken Einfluss, sowohl auf die Entwicklung der Kinder, als auch auf ihr psychisches Befinden haben. 

Natürlich könnte man als Fazit aus diesen Punkten schließen, dass Kinder einfach schlichtweg keine Influencer*innen sein sollten. Doch so ganz fernhalten kann man sie tatsächlich auch nicht, denn als Digital Natives wachsen sie eben auch mit Social Media auf. Ob sie nun zu Hause darauf stoßen, in der Schule oder durch Freunde, es lässt sich kaum vermeiden. Deshalb ist eine wichtige Erkenntnis, dass insbesondere auf der Rezipientenseite eine strukturelle Förderung der Medienkompetenz und die Unterstützung durch die Eltern beim Umgang mit Social Media sehr wichtig sind. Auf der anderen Seite sollten Kanäle von Mini-Influencer*innen nur dann genehmigt sein, wenn sie das Mindestalter der Plattformen erreicht haben. Dabei müssten die Mini-Influencer*innen bis zur Volljährigkeit strengen Regeln zum Jugendschutz unterliegen. 

Und falls der eine oder die andere auf gar keinen Fall auf das Influencer*innen Dasein warten kann, sollte ein Kanal  nur unter sehr strengen und konsequent kontrollierten Vorgaben von den Eltern geführt werden dürfen. Das Unternehmen für diese Richtlinien und Kontrollen aufgrund ihres wirtschaftlichen Interesse nicht die geeignete Instanz sind, ist übrigens klar. Aber mal ehrlich, selbst wenn ein Kind wirklich sagt, es wolle unbedingt einen schicken YouTube Kanal haben und dort für irgendwelche Unternehmen Produkte bewerben und sich vollkommen Fremden im Internet präsentieren, kann man da nicht auch einfach Nein sagen?

Die Autorin